Grußwort

Passion und Ostern

Liebe Schwestern und Brüder,

„Gott schaffe mir Recht ... rette mich vor den heimtückischen Menschen.“ so beginnt Psalm 43 in der Bibel. Eine ungewohnte Forderung. Erwarten wir von Gott, dass er unsere rechtlichen Dinge regelt und sich um unsere Streitigkeiten kümmert? Das wäre doch was. Ich entscheide die wichtigen Fragen: Wo will ich leben? Mit wem? Und mit wem lieber nicht? Und Gott kümmert sich dann um die Details.

Aber so ist es nicht. Ich muss mich um mein Leben kümmern. Ich muss Entscheidungen treffen. Wenn es Streit gibt, muss ich mich mit meinen Gegnern einigen. Zur Not über ein Gericht, um zu meinem Recht zu kommen.

Auch der Psalm geht anders weiter. Nach dem steilen Beginn bittet der Mensch nun um Erkenntnis und Wahrheit. Er will den Weg zu Gottes Wohnung finden. Einen Ort zum Ausruhen. Kraft schöpfen. Trost und Geborgenheit finden. Von der Forderung des Rechtes hin zur Bitte um Lebenskraft – in dieser Spannung liegt eine tiefe Einsicht: Rechtsprechung kann erlittene Schmerzen vielleicht lindern, aber nicht heilen. Ein Gericht kann Recht sprechen, ein Ort der Heilung ist es sicher nicht.

Viele Verletzungen können bestenfalls durch Liebe geheilt werden. Liebe aber ist kein Gegenstand der Gerechtigkeit. Liebe ist eher eine einseitige Vorleistung - ohne Garantie auf Erwiderung. Liebe ist eine Form der Zuwendung wider besseren Wissens und trotz vieler Enttäuschungen.

Ein Problem unserer Zeit ist sicher, dass wir zu wenig auf die Liebe hoffen, sondern unsere Verletzungen mit Rechtsansprüchen zu heilen versuchen.

Der Mensch im Psalm fordert Recht bleibt aber verletzt. „Meine Seele, warum bist so unruhig in mir?“ Erst mit der Zeit kommt die Stimme der Liebe durch. „Harre auf Gott. Denn ich werde ihm noch danken, meinem Gott.“

In der Passionszeit erinnern wir uns an das Leiden Gottes. Jesus wird angeklagt. Verurteilt. Er stirbt am Kreuz. Es ist unrechtes Leiden. Aber er geht diesen Weg. Er fordert nicht Genugtuung. Gott liebt wider besseres Wissens. Für uns, für das Leben. Daraus speist sich die Freude von Ostern. Wir sind geboren, um zu leben und Leben zu geben, um aufzustehen und um einander aufzurichten. Wir leben und geben weiter vom Reichtum des Lebens. Wir können füreinander da sein bei Verletzungen. Gott ist auf jeden Fall da und bleibt auch. Immer.

 

Ich grüße Sie herzlich,

Ihr Eckart Warner

 

Jeden Tag     aufstehen,

auf eigenen Beinen stehen.

Jeden Tag im Leben stehen,

das Alte neu bestehen.

Jeden Tag andere ausstehen

und zu sich selbst stehen.

Jeden Tag verstehen,

dass Gott hinter allem steht.

Jeden Tag aufstehen

zu neuem Leben.

Jeden Tag

neu.

 

Petrus Ceelen, in: Jeden Tag neu. Anstöße zum Aufstehen. Schwabenverlag 1999